Alkohol

Gesellschaft

Alkohol

Der Alkoholkonsum war ein weit verbreitetes Phänomen in der UdSSR und in Osteuropa, obwohl es schwierig war, dies in Ländern zu messen, die den Alkoholkonsum als ein westliches Problem betrachteten. Aus kommunistischer Perspektive war Alkohol ein Mittel, die Entstehung eines proletarischen Bewusstseins zu verhindern, und Alkoholismus ein Ergebnis des Lebens in der kapitalistischen Gesellschaft. Alkoholismus wurde als abweichendes, grenzwertiges Verhalten, eine Art Rowdytum, angesehen, das zumindest in der Theorie stark unterdrückt wurde. Es wurde davon ausgegangen, dass dieses Verhalten unter dem Kommunismus selbstverständlich immer schwächer werden würde. Doch der Konsum von Alkohol (Wein, Bier und Schnaps) hatte sich in Ungarn und der Tschechoslowakei verdreifacht, in der UdSSR, in Bulgarien und Polen mehr als verdoppelt und der Alkoholismus hatte deutlich zugenommen. Kulturell gesehen war der Alkoholkonsum eine gemeinschaftliche, soziale Gewohnheit, die im Großen und Ganzen unabhängig von Alter, Geschlecht oder sozialem Status toleriert wurde. Der Staat hatte zwar das Monopol auf die Alkoholherstellung, aber es gab einen blühenden Schwarzmarkt von illegal produziertem, kostengünstigen Schnaps. Es gab viele Anti-Alkoholismus-Kampagnen und -Maßnahmen, aber da Alkoholismus vielmehr als moralisches Versagen und nicht als eine Krankheit angesehen wurde, konzentrierten sich diese Kampagnen darauf, Alkoholismus zu unterdrücken und waren daher auf lange Sicht unwirksam.

Themenarchiv

Briefmarke, die während Gorbatschows Anti-Alkohol-Kampagne herausgegeben wurde

„Nüchternheit ist die Norm im Leben"

Land: Sowjetunion / Jahr:

„Nüchternheit ist die Norm im Leben" Im Mai 1985 startete Gorbatschow eine große Anti-Alkohol-Kampagne. Diese basierte auf einer strengeren Gesetzgebung mit Einschränkungen in der Erzeugung und im Vertrieb von Alkohol, auf einer Preiserhöhung von 25%, auf der Entlassung von Alkoholikern aus amtlichen Stellungen, sowie dem Verbot von Alkohol am Arbeitsplatz und auf die Schaffung einer Gesellschaft, die Nüchternheit befürwortete. Diese äußerst unbeliebte Kampagne führte immer zu langen Schlangen, wenn Alkohol im Handel erhältlich war, und sie gab dem Schwarzmarkt einen enormen Auftrieb. Gorbatschow bekam daher den Spitznamen „Mineralsekretär", und die Kampagne verursachte dem Staat Kosten in Höhe von 5 bis 10 Milliarden Rubel. Im Oktober 1988 wurde sie beendet.

Zerstört die Weinberge!

In der Zeit der Anti-Alkohol-Kampagne ließ Gorbatschow 300.000 Hektar Weinanbaugebiete - von insgesamt ca. 450.000 Hektar - in der UdSSR vernichten.

Land: Sowjetunion / Jahr:

In der Zeit der Anti-Alkohol-Kampagne ließ Gorbatschow 300.000 Hektar Weinanbaugebiete - von insgesamt ca. 450.000 Hektar - in der UdSSR vernichten, vor allem in Georgien und Moldawien (wobei diese Zahl auch kleinere Flächen in Russland und der Ukraine enthält, vom Schwarzen Meer bis nach Zentralasien). Die Produktion wurde in großen industriellen Kombinaten (volkseigenen Betrieben) organisiert. Ab den 1930er Jahren hatte die UdSSR im Rahmen der sowjetischen Planung große systematisierte Weinberge in Bulgarien für ihren eigenen heimischen Markt angelegt. Eigenständige nationale Weinberge existierten auch in Rumänien und Ungarn.

Entzugsklinik in Russland 1991

In kommunistischen Gesellschaften, die das Trinken traditionell tolerierten, sahen weder die Behörden noch die Ärzteschaft Alkoholismus als Krankheit.

Land: Sowjetunion / Jahr:

In kommunistischen Gesellschaften, die das Trinken traditionell tolerierten, sahen weder die Behörden noch die Ärzteschaft Alkoholismus als Krankheit, sondern vielmehr als ein antisoziales Verhalten, das zu Kriminalität und Verbrechen führt, und somit eine Bedrohung für die sozioökonomische Entwicklung darstellte. Man versuchte, dem Alkoholismus mit Strafkrankenhausaufenthalten und Umerziehungsprogrammen auf der Arbeit entgegenzuwirken. Eine kurzweilige Verbesserung wurde während Gorbatschows Anti-Alkohol-Kampagne dennoch erreicht, als spezialisierte Behandlungszentren eingerichtet wurden.

Debatte über Alkoholismus im polnischen Parlament

Im August 1980 wurde Alkohol in streikenden polnischen Fabriken verboten.

Land: Volksrepublik Polen / Jahr:

Im August 1980 wurde Alkohol in streikenden polnischen Fabriken verboten. Während der Staat Alkoholismus als antisoziales Verhalten betrachtete, dem man mit unwirksamer Strafgesetzgebung entgegenwirken wollte, beschrieb die Kirche - die in der Arbeiterklasse sehr einflussreich war - sie 1940 als eine Form der Sklaverei. In den 1980er Jahren sah die Kirche den Alkoholismus als Folge des Freiheitsmangels und der Gleichgültigkeit gegenüber der Gesellschaft. Da sich die Kirche für die Rückkehr der christlichen Moral aussprach, betrachtete sie die Hartnäckigkeit des Alkoholismusproblems als Beweis für das Versagen der Behörden, den Menschen eine persönliche Ethik auf Basis der kommunistischen Ideologie zu oktroyieren.

Der Schwarzmarkt für Alkohol

Hausgemachter Samogon (Alkohol, hergestellt aus Zuckerrüben und Getreide oder Trauben, Rüben, Kartoffeln oder Obst) wurde seit dem 14. Jahrhundert in den ländlichen Gebieten hergestellt.

Land: Sowjetunion / Jahr:

Hausgemachter Samogon (Alkohol, hergestellt aus Zuckerrüben und Getreide oder Trauben, Rüben, Kartoffeln oder Obst) wurde seit dem 14. Jahrhundert in den ländlichen Gebieten hergestellt. Während der Sowjet-Ära erfolgte die Produktion aufgrund des staatlichen Monopols nur noch heimlich. Das Wort Samogon wurde auch für geschmuggelten Wodka und Schnaps mit möglicherweise schädlichen Inhaltsstoffen verwendet. Von 1985 bis 1987, während der Anti-Alkohol-Kampagne stieg die Zahl der illegalen Produzenten um das Fünffache. So entwickelte sich Samogon zu einer Säule der Schattenwirtschaft und zu einer großen Einnahmequelle für die russische Mafia.